Text

SEPTEMBER 2022

Wie eine ungefragte und hartnäckige Begleiterin fühlt sie sich an. Sie reisst dich aus deinem gewohnten Leben, bestimmt mal soeben deinen Alltag und beschert dir Tage starker Erschöpfungszustände. Was früher selbstverständlich erschien, bedeutet einem plötzlich die Welt: Mit Menschen Zeit verbringen die mir lieb sind, meinem Beruf nachgehen, einen Ausflug ins Grüne machen oder alltägliche Verrichtungen tätigen. All dies ist für mich seit Ende Februar 2022 nur erschwert oder nicht mehr möglich.

Post-Covid-19-Syndrom/Long-Covid-19-Syndrom lautet die offizielle Diagnose. Eine Erkrankung, welche sich in ihrem Verlauf und ihren Symptomen sehr individuell zeigt und den Betroffenen enorm viel Geduld, Durchhaltevermögen und Zuversicht abverlangt.

Eine gezielte Therapie existiert aktuell nicht, dafür liegen noch zu wenige Forschungsergebnisse vor. Der Fokus liegt somit auf den vorhandenen Symptomen und der Linderung der Beschwerden. Neben der Ergotherapie (Pacing) helfen mir Physiotherapie (Bewegung), Medizinische Massage (Entspannung), TCM (Akupunktur und Heilkräuter), Psychotherapie, Bewegung in der Natur sowie eine bewusste Ernährung.

In meinem Fall manifestiert sie sich in Form einer starken physischen und kognitiven Fatigue (Anhaltende Müdigkeit/Erschöpfung). Der Körper fühlt sich meist bleiern und müde an, sich zu konzentrieren und fokussieren fällt aufgrund des Hirnnebels schwer. An manchen Tagen nehme ich etwas mehr Kraft wahr, was einen euphorisch stimmt und animiert, körperlich und geistig aktiver zu werden. In diesen Momenten ist es wichtig, das Pacing (Energiemanagement) trotzdem weiterzuführen, um die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten. Gelingt mir diese Gratwanderung nicht, so finde ich mich am Folgetag mit einem Crash im Bett wieder.

Die Fotoserie Locodiary gewährt einen Einblick in meinen ganz persönlichen Loco-Kosmos. Fotografisch festgehalten werden die für mich prägendsten Momente meines Heilungsprozesses. Einerseits, will ich anhand der Bilderserie meine Gefühlswelt und aktuelle Lebensrealität veranschaulichen und greifbarer machen. Anderseits, möchte ich den Betroffenen eine Stimme geben und dadurch der Tabuisierung und/oder dem Vergessen dieser Erkrankung entgegenwirken.

So floskelhaft und trivial der Satz «Der Weg ist das Ziel» klingen mag, für mich ist er bedeutsamer denn je. Im Zuge dessen danke ich allen von Herzen, welche mich hierbei mit viel Geduld, Empathie sowie Rat und Tat unterstützen.

Weiter gehts, die Richtung stimmt und irgendwann bin ich dich los, du lähmende Begleiterin.

JANUAR 2023
Ein neues Jahr beginnt und der Blick zurück zeigt, welche Fortschritte in den vergangenen zehn Monaten möglich waren. LoCo, du hattest mich erwischt, mit voller Wucht und ausgebremst. Eine Mahlzeit sitzend am Tisch war im März meine Höchstleistung. Der Ausflug auf den Niesen im Monat Mai verlangte mir alles ab und endete am Folgetag in einem Crash. An Silvester fühlte ich endlich wieder einmal die Kraft, um für Gäste zu kochen und den Neujahrsbeginn tanzend einzuläuten. Seit meiner Booster-Impfung im Oktober sowie einer überstandenen RS-Virus Erkrankung, verspüre ich wieder mehr Energie. Der Schwindel, die Fatigue und der Hirnnebel haben sich merklich reduziert. Schritt für Schritt geht es weiter aufwärts, zurück zum gewohnten Leben, so auch in beruflicher Hinsicht. Drei Halbtage pro Woche arbeiten sind aktuell möglich. Diese Fortschritte und wiederkehrende Kraft stimmt euphorisch und versetzt mich in einen grossen Tatendrang. Eine Balance zu finden zwischen, mit dieser elektrisierenden Euphorie mitziehen und sich dabei nicht überfordern, ist nach wie vor ein Seiltanz. Meine ursprüngliche Kraft ist noch nicht zurück, doch ich bin dankbar und stolz, auf die bisher erreichten Ziele.

JULI 2023
Seit genau 517 Tagen begleitet mich die Fatigue in all ihren Facetten. Eine Achterbahnfahrt ohne sicht- und fühlbares Ende. Rauf und runter, mal schnell, mal langsam, still oder kreischend, meist alleine, ab und zu in Begleitung, mal lachend und mal weinend. Jetzt ein (möglicher) Lichtblick in Sicht. Ich setze das Wort
möglich bewusst in Klammern, da ich mich vor einer allzu grossen Enttäuschung schützen will. Und doch, es ist ein Lichtblick! In den kommenden Tagen erfolgen zwei Eingriffe im Paraplegikerzentrum in Nottwil. Die sogenannte «Ganglion Stellatum Blockade» könnte dazu führen, dass sich meine Fatigue vermindert oder gar ganz aus dem Staub macht. Die Stellatumblockade hat eine zeitlich begrenzte Ausschaltung des Halssympathikus zur Folge. Mittels Lokalanästhesie könnte das lokale autono­me Nervensystem zu einer Art „Neustart“ verhelfen. Stellatumblockade. Die Hoffung stirbt zuletzt und wer weiss, vielleicht wird dieser Behandlungsansatz ja die Hoffnung für viele andere Betroffene.

Fortsetzung aktuell in Bearbeitung…